Okt 212011
 

Das Ausbildungsangebot im Bereich Kindertauchen wurde im Laufe der Jahre von den Tauchverbänden kontinuierlich ausgeweitet und das Einstiegsalter dabei immer weiter gesenkt. Viele Verbände bieten ab dem Alter von 8 Jahren Programme an, die spielerisch an das Gerätetauchen heranführen. Ab dem Alter von 10 Jahren werden bereits Tauchkurse für das Tauchen mit Pressluftgerät angeboten. Neoprenanzüge gibt es inzwischen schon für 3-jährige Kleinkinder am Markt.  Die Position vieler Tauchverbände zum Thema Kindertauchen ist sicherlich nicht völlig losgelöst von wirtschaftlichen Interessen zu sehen.

Die Datenlage für die Entscheidung, ab welchem Alter und unter welchen Bedingungen Kinder Tauchgänge mit Presslufttauchgerät durchführen sollten und können ist für wagemutige Entscheidungen unzureichend. Die individuellen Entwicklungsunterschiede bei Kindern sind meines Erachtens zu groß um eine genormte Empfehlung aussprechen zu können. Eine konservative Herangehensweise ist nach meiner Einschätzung dringend angeraten.

Aus meiner Sicht gibt es einige Grundvoraussetzungen für die Beurteilung der Tauchtauglichkeit von Kindern:

  • ausreichende körperliche und seelische Reife, um den emotionalen, theoretischen und praktischen Anforderungen gerecht werden zu können
  • Fähigkeit sicher und ausdauernd schwimmen zu können
  • stabile Konzentrationsfähigkeit auch über einen längeren Zeitraum
  • Kinder müssen willens und in der Lage sein, Anweisungen zu befolgen
  • es liegt kein Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätssyndrom vor

Aus physiologischer Sicht ist zu beachten, dass bei Kindern eher mit Problemen bei der Tubenbelüftung (Druckausgleich) oder den Adenoiden zu rechnen ist. Kinder haben im Vergleich mit Erwachsenen eine um ca. 10% gesteigerte Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines offenen Foramen Ovale (PFO).

Bedingt durch die engeren Atemwege und die höhere Atemfrequenz ist die Atemarbeit bei Kindern höher als bei Erwachsenen. Verschleimungen der Atemwege durch Infekte (Problem des air trapping) treten bei Kindern häufiger auf als bei Erwachsenen. Die Gefahr des Kollabierens kleinster Atemwege (closing volume) in deren Folge es zu einer Lungenüberdehnungsverletzung kommen kann, ist bei Kindern ebenso erhöht. Auskühlung kann bei Kindern zu einer bronchialen Hyperreaktion (Husten, Erbrechen) führen. Es gibt Hinweise darauf, dass sich die Atmung unter hyperbaren Bedingungen bist um 12. LJ nachteilig auf die Reifung der Lunge auswirken könnte.

Das Skelettsystem von Kindern weist Wachstumsfugen auf, in welchen es zu einer erhöhten Stoffwechselaktivität kommt. Diese Bereiche sind daher besonders Anfällig mit Blick auf Bildung von Stickstoffblasen. Kinder sollten daher unter keinen Umständen dekompressionspflichtige Tauchgänge durchführen. Wachstumsbedingte Dysbalancen der Rumpfmuskulatur können bei Kindern zu Rückenschmerzen (Bleigurt, Tauchgerät) führen.

Die Körperoberfläche von Kindern ist – in Relation gesetzt zu der Körperoberfläche von Erwachsenen – größer. Dies führt zu einer schnelleren Abkühlung. Es ist also unbedingt auf eine angemessene Isolation zu achten, da eine Auskühlung die Verengung der äußeren Gefäße zur Folge hat und dies zu einer Stickstoffübersättigung führen kann.

Kindgerechte Tauchgänge sind auf Tiefen um 10 – 12 m und Tauchzeiten von 30 – 40 min. zu begrenzen. Wegen der oben beschriebenen closing volume – Gefahr sollte die Auftauchphase besonders langsam durchgeführt werden (ca. 4-5 m/min). Der obligatorische Sicherheitsstop in 5 Meter Tiefe sollte auf 10 min verlängert werden. Eine 1:1 Begleitung durch Erwachsene ist ebenso wie der Verzicht auf anstrengende (Strömung) oder psychisch belastende (Höhle, Nacht, Wrack) Tauchgänge ratsam. Die Tauchausrüstung muss gut passen und kindgerecht sein.

Um das bei Kindern immer erhöhte Restrisiko zu minimieren ist es angebracht Oberflächenpausen von mindestens 4 Stunden einzuhalten und nicht mehr als 2 Tauchgänge am Tag durchzuführen.

Neben einer eingehenden Untersuchung durch den Taucharzt sollte also der Teilnahme eines Kindes an einem Tauchkurs mit Presslufttauchgerät ein Gespräch zwischen Tauchausbilder, Erziehungsberechtigten und Kind vorangehen. Das Gespräch dient einerseits der Information der Erziehungsberechtigten, der Einschätzung  des Entwicklungsstands des Kindes durch den Tauchausbilder und der Vertrauensbildung des Kindes gegenüber dem Tauchausbilder. In den meisten Fällen kann man ab dem 12. LJ von einer Tauchtauglichkeit ausgehen, selten früher.

(c) dive-together.de

Kommentare sind derzeit nicht möglich.